Drive-In-Events Hildesheim

 

Event Werft veranstaltet acht Wochen lang Drive-In-Events auf dem Schützenplatz

Die Hildesheimer Lösung in der Corona-Kultur-Krise

  • Ab Donnerstag, 14. Mai, öffnet ein Auto-Kino auf dem Schützenplatz
  • Auf dem Programm stehen Filme, Musicalaufführungen, Konzerte und Gottesdienste
  • Platz ist für 500 Menschen in 250 PKW, sodass der Infektionsschutz gewährleistet ist
  • Die Veranstalter nutzen die größte LED-Wand, die es in der Stadt je gab

 

Eine Kulturhauptstadt ohne Kultur? Undenkbar. Weil die Corona-Krise das Freiluftvergnügen diesen Sommer verhagelt hat, denkt Hildesheim neu. „Wir haben das Auto-Kino nicht erfunden, aber wir machen das Beste draus“, kündigt Matthias Mehler an. Der Geschäftsführer der Event Werft und sein Team laden die Stadtgesellschaft ein und die Audio Werft stellt dafür die größte LED-Wand, die es je in Hildesheim gab, auf den Schützenplatz. Dort sollen ab Donnerstag, 14. Mai, wieder Konzerte, Filmvorführungen, Theaterstücke und Gottesdienst in Gesellschaft zu erleben sein. Denn vor der Bühne ist Platz für 250 PKW.

Die Hildesheimer Lösung nennen Mehler und seine Mitstreiter diese „Drive In Events“. Hildesheimer Lösung deshalb, weil das Open Air am Schützenplatz ausschließlich in lokaler Hand bleibt: vom Veranstalter über die Sponsoren bis zu den Partner. „Es ist ein großes, öffentliches Bekenntnis zu Kino, zu Theater, zu Musik und zum Glauben“, verspricht Thomas Harling vom Projektbüro Hi2025. „Wir wollen den Leuten eine Abwechslung zu ihren Wohnzimmern bieten und den Kulturschaffenden der Region die Möglichkeit, wieder aufzutreten, sichtbar zu sein und ihrer Arbeit nachgehen zu können.“

Grundsätzlich funktionieren die Drive In Events wie herkömmliche Autokinos. Von der B1, also der Schützenallee, stadtauswärts kommend, biegen Besucherinnen und Besucher in die Straße Am Pferdeanger ein und folgen dieser bis zum Schützenplatz (umgangssprachlich Volksfestplatz genannt). Für die Zeit der Events gilt dort eine Einbahnstraßenregelung. Die Abfahrt führt über das Ladenmühlenfeld zur Münchewiese. Auf dem Platz funktioniert die Kasse kontaktfrei. In jedem PKW dürfen ausschließlich zwei Personen sitzen – diese können aber aus zwei Haushalten stammen. Parkwächter weisen den Gästen einen Platz zu, große Fahrzeuge wie Vans, Wohnmobile oder LKW stehen hinten, PKW vorne. „Auch Trucker sind also willkommen“, betont Mehler. Einlass ist ab eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Die Autos dürfen auf dem Platz nicht verlassen werden, an den anliegenden Straßen herrscht Halteverbot. Lediglich Toilettenanlagen stehen bereit und dürfen von Gästen genutzt werden.

Die Fenster dürfen maximal einen Spalt breit geöffnet, Motor und Tagfahrlicht müssen ausgeschaltet sein. „Es gibt auf dem Gelände keine Beschallung“, betont Mehler. Die LED-Wand misst 115 Quadratmeter für hochauflösendes und tageslichttaugliches Bild. Der Ton kommt übers Radio in die Autos. Für die Drive In Events steht eine eigene Sendefrequenz zur Verfügung. Wer auf dem Platz seinen Empfänger auf die 95,2 Mhz einstellt, bekommt alles mit: Kinofilme und Theaterstücke, Konzerte und Gottesdienste.

Der Thega Filmpalast zeigt jeden Tag zwei Filme, samstags und sonntags stehen sogar drei Vorführungen auf dem Programm. Die erste Vorführung des Tages richtet sich an alle Altersgruppen, die späteren Vorstellungen auch mal eher an ein erwachsenes Publikum. „Besonders Familien und Kinder, die ja dieser Tage sehr unter dem Kontaktverbot leiden, wollen wir etwas Guts tun“, erklärt  Roland Brinkmann als Programmverantwortlicher. Den Anfang machen beispielsweise Donnerstag, 14. April, um 18 Uhr die Biographie „Der Junge muss an die frische Luft“ über Hape Kerkeling und um 21 Uhr der Musikfilm „Bohemian Rhapsody“ über die Rockband Queen. Für vier Wochen steht bereits ein Programm aus aktuellen Filmen „Aladdin“ oder „Joker“ sowie Klassikern wie „Die kleine Hexe“ und „Pulp Fiction“. Getränke und Popcorn bestellen Besucherinnen und Besucher im Vorfeld online. Die Übergabe erfolgt kontaktlos beim Einlass. Besonders freut sich Brinkmann auf die „Rocky Horror Picture Show“ am Sonntag, 7. Juni, um 22 Uhr. „Die Leute sollen in ein paar Jahren noch ihren Enkeln erzählen können, dass sie während der Krise mit 500 anderen Menschen in Strapsen in Autos gesessen und gesungen haben.“

Das Theater für Niedersachsen (TfN) präsentiert an fünf Terminen das Rockmusical „Rent“ in einer konzertanten Version. Heißt: Das Musical kommt als Konzert doch noch nach Hildesheim. Denn im Stadttheater können bis auf Weiteres keine Vorstellung stattfinden. „Auf diesem Wege haben wir die Möglichkeit, trotz des geschlossenen Theaters für unser Publikum da zu sein“, freut sich TfN-Intendant Jörg Gade. Für diese spezielle Aufführungsform muss das TfN eine Sondergenehmigung vom Verlag aus den USA erhalten. „Das ist sehr kurzfristig, aber in dieser besonderen Situation wir sind optimistisch“, erklärt Gade. „Rent“ ist mit zwei Tony-Awards und einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und folgt, lief zwölf Jahre lang am Broadway und gehört damit zu den erfolgreichsten Musicals aller Zeiten. Das Stück sei ohnehin wie ein Rockkonzert konzipiert, erklärt Musicaldramaturgin Julia Hoppe. „Tatsächlich kam „Rent“ noch vor der Premiere am konzertant zur Aufführung. Dass wir das Rockmusical nun so präsentieren können, scheint wie eine schicksalhafte Fügung.“

Das Kolpinwerk Hildesheim beteiligt sich ebenfalls mit einem „Drive-In-Gottesdienst“ am Programm. Auch wenn Gottesdienste unter Auflagen an Christi Himmelfahrt wieder möglich sein werden, hält das Kolpingwerk am Format fest. „Im Auto ist man vor Ansteckungen vergleichsweise sicher“, erklärt Diözesansekretär Mirco Weiß. Donnerstag, 21. Mai, empfängt Pfarrer Hans-Günter Sorge um 10 Uhr zur Heiligen Messe. „Dieser Gottesdienst bietet in besonderer Weise Menschen, die zur Corona-Risikogruppe gehören wie auch jenen, für die ein klassischer Gang in die Kirche zu gefährlich erscheint, die Möglichkeit einer sichereren Teilnahme an einer Heiligen Messe“, ist sich Pfarrer Sorge sicher. Auch deswegen konnte das Kolpingwerk das Bonifatiuswerk Paderborn als Förderer gewinnen. Auch einige muttersprachliche Gemeinden im Bistum Hildesheim beteiligen sich. Denn die Covid-19-Pandemie betrifft Menschen überall auf der Welt und das Kolpingwerk ist ein internationaler Verband innerhalb der Kirche. Deshalb wird in der heiligen Messe auch Papst Johannes Paul II. gedacht. Dieser wäre am 18. Mai 100 Jahre alt geworden. Im Anschluss an die Messe findet eine Fahrzeugsegnung statt.

Der evangelische Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt und das katholische Dekanat Hildesheim nutzen den Schützenplatz am Pfingstsonntag, 31. Mai, für ein „Singen…mit Gott und der Welt“. Unter dem Titel „All together now!“ lädt Superintendent Mirko Peisert mit Ralf Dittrich unter anderem die ATN!-Band, Johannes Osenberg aus der TfN-Musical-Company, der Band Wegweiser und dem Posaunenwerk zum Mitsingen. „Wer hat nicht schon im Auto lauthals mitgesungen“, ermutigt Dittrich. Er ist Ausrichter des Rudelsingens, Veranstalter der Kirchenkreis. Der Eintritt zu den Gottesdiensten ist frei, eine Anmeldung fürs Rudelsingen aber erforderlich.

Außerdem geben B.B. & The Blues Shacks am Samstag, 13. Juni, um 19 Uhr ein Konzert. Veranstalter ist dabei das Kulturhauptstadt-Büro Hi2025. „Die B.B.s haben sehr früh die Idee ins Spiel gebracht, ein Autokinokonzert auf dem Schützenplatz zu veranstalten“, erzählt Hi2025-Pressesprecher Max Balzer. „Wir fanden das sofort unterstützenswert.“ Das Blueskonzert ist der Beitrag des Projektbüros Hi2025 im Programm. „Wir wissen, wie wichtig B.B. & The Blues Shacks für und in Hildesheim sind“, betont Balzer. „So eine Band braucht es gerade, um die Stadt zusammen zu bringen. Dass die Blues Shacks das können, haben sie schließlich schon bei vielen Konzerten bewiesen –und Rhythm & Blues durchs Autoradio, das hat doch was!“

Ausgewählte Aktionen überträgt der Hildesheimer Bürgersender Radio Tonkuhle. Über die 105,3 Mhz sind die Veranstaltungen dann nicht nur im engeren Umkreis um den Schützenplatz zu hören, sondern im Sendegebiet des Lokalradios zu empfangen.

Acht Wochen steht die zwölf Meter hohe Konstruktion auf dem Schützenplatz. Die ersten vier Wochen bieten mit Gottesdiensten, Kinofilmen, Musicals und Konzerten ein volles und vielfältiges Programm. In der zweiten Hälfte der Spielzeit haben die Veranstalter bewusst noch Leerstellen im Programmplan gelassen, um auf Anfragen oder Ideen reagieren zu können. Möglich machen es die Sponsoren. Die Gemeinnützige Baugesellschaft zu Hildesheim AG (gbg) übernimmt für beide Monate die Platzmiete. Die EVI Energieversorgung Hildesheim (mit Öko-Strom), die Sparkasse Hildesheim-Goslar-Peine, die VGH Versicherung, Hildesheim Marketing und die Hildesheimer Allgemeine Zeitung unterstützen. „Ohne unseren Sponsoren geht es nicht“, betont Mehler. Auch die Zusammenarbeit mit der Verwaltung verlief schnell und unkompliziert, freut sich der Werften-Chef. „Wir sind eine Großstadt, wir brauchen einen Ort der Freude macht.“ Veranstalter ist die Event Werft, die Technik stellt die Audio Werft.

Die Drive-In-Events beginnen ab Donnerstag, 14. Mai, auf dem Schützenplatz.

Das vollständige Programm gibt es auf www.event-werft.net sowie unter www.thega-filmpalast.de oder www.tfn-online.de.

Dort gibt es auch die Karten.

Es gibt keine Abendkasse.

Der Eintritt pro PKW kostet 24 Euro.